Und wieder einmal hat sich da ein - sich zumindest selbst so titulierender - "Journalist" durch die Qualitätssicherung von welt.de geschlichen. Ein gewisser Robin Alexander, der sich - betrachtet man die Güte seines Kommentars - gerade in den ersten zwei Wochen seines Volontariats zu befinden scheint, meinte, er müsse sich ein Urteil über die Piratenpartei Deutschlands machen und diese Meinung verbreiten. Mir wäre aber neu, dass die Redaktion von welt.de Kommentare nun von Volontären schreiben lässt, ich dachte, Kommentare kämen eher aus der Feder erfahrener Redakteure. Aber man lernt ja nie aus.
Das polemische, dennoch inhaltlich sehr dünne Pamphlet strotzt von Unwissen und Desinformation und beweist, dass sich der Autor wohl kaum mehr als drei Minuten für die Recherche gegeben hat. Wahrscheinlich war dies aber eine Recherche im Print-Archiv ohne Zuhilfenahme von elektronischen Hilfsmitteln, sonst wäre diese sicher anders ausgefallen.
Nun wollen wir diesen Kommentar mal etwas zerpflücken.
Woher nimmt Herr Alexander denn die Weisheit, dass sich die Wählerschaft maßgeblich aus "männlichen Erstwählern" zusammensetzt? Gibt es dazu Fakten? Selbst wenn wir den Bundeswahlleiter Roderich Egeler fragen würden, könnte er uns nicht sagen, wer die Stimmen für die Piratenpartei abgegeben hat, denn die Bundestagswahl ist allgemein, unmittelbar, frei, gleich und geheim. Diese Details mögen dem Autor vielleicht entgangen sein. [Update: Die Quelle ist wohl Infratest dimap, wie auch auf der Piratenpartei-Website nachzulesen ist. Danke für den Hinweis, ernie.]
Der "nach einer schwedischen Website benannte Club" ist übrigens eine vom Bundeswahlleiter anerkannte demokratische Partei, die sich in ihrer Rechtmäßigkeit ganz sicher nicht hinter den etablierten demokratischen Partei verstecken muss. Nur ganz beiläufig wäre vielleicht noch zu erwähnen, dass es inzwischen in insgesamt 35 Nationen weltweit Piratenparteien gibt.
Wer von einer Kostenlos-Politik redet, die den Piraten nachgesagt wird, hat sich einfach nicht die Mühe gemacht, sich das Partei- und Wahlprogramm durchzulesen. Den Piraten geht es in diesem Punkt vor allem um eine Besserstellung der Werteschaffenden ("Urheber") und auch den Konsumenten. Ganz erheblich geht es uns dabei auch um den freien Zugang (Open Access) zu Wissen und Bildung, insbesondere zu Wissen, dass durch öffentliche Mittel (Steuergeldern) finanziert wurde und somit dem Bürger schon gehört.
Über unseren internen Strukturen hat sich Herr Alexander scheinbar auch tiefergehend informiert ... oder auch nicht. Die Piraten sind in vielerlei Hinsicht kaum anders strukturiert als die etablierten Parteien. Jedoch legen wir viel mehr Wert auf Transparenz innerhalb der Partei. Und nur, weil unsere Parteiführung nicht aus dicken alten Leuten aus dem Parteikader besteht, heißt das nicht, dass wir keinen Kopf hätten. Allein am Bekanntheitsgrad mangelt es uns noch. Das ändert sich aber auch langsam, denn unser Bundesvorsitzender Jens Seipenbusch war gerade in den letzten Tagen doch oft in den Medien zu sehen.
Das Argument der "geschlechterausgewogenen Repräsentanz" ist auch völlig aus der Luft gegriffen. Sicher mag der männliche Anteil immer noch stark überwiegen, jedoch liegt den Piraten jegliche Diskriminierung fern. Wir haben keine Quotenfrauen, Quotenmänner, Quotenschwulen, Quotenlesben oder sonstige Quotengruppen. Wer sich in der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zuhause fühlt, ist bei den Piraten gut aufgehoben.
Vielleicht war Herrn Alexander ja auch einmal der Begriff der Unschuldsvermutung geläufig. Genau diese ist auch der Grund, warum wir Jörg Tauss in unserer Mitte haben. Es obliegt meines Wissens immer noch den Richtern, ein Urteil über einen Menschen zu fällen und nicht irgendwelchen Lynchmobs, die meinen, die Medien nach ihrem Gusto missbrauchen zu müssen. Sowohl Jörg Tauss als auch die Piratenpartei werden die richtigen Schritte zu ergreifen wissen, wenn einmal ein Urteil zur Causa Tauss gesprochen ist. Bis zu einer Verurteilung gilt Jörg Tauss als unschuldig.
Es mag auch traurig sein, dass Herrn Alexanders armer 27-jähriger Nachbar ein World-of-Warcraft-Junkie ist. Aber wie sieht es mit dem 40-jährigen Alkoholiker in Herrn Alexanders Stammkneipe aus oder der drogensüchtigen 33-jährigen von gegenüber? Welche Parteien wählen die, falls sie es überhaupt in ein Wahllokal schaffen, während unser WoW-Nerd schon vom Wählen zurück und wieder an seinem Rechner ist?
Diesem Herrn Alexander täte sicher auch eine regelmäßige Konfrontation mit der realen Welt gut. Dann hätte er nämlich mitbekommen, wie seine Grundrechte immer mehr in Bedrängnis geraten. Lieber Herr Alexander, was meinen Sie denn, wie lange Sie noch unzensiert in der freien Presse solche Artikel schreiben dürfen, wenn sich die Regierung erstmal den Artikel 5 (1) GG noch genauer zur Brust nehmen? Welche Partei steht dann für Sie ein, damit Sie weiterhin solche unqualifizierten Kommentare in den Medien veröffentlichen dürfen? Die ersten Schritte zur Zensur sind schon getan.
Ob Sie, lieber Herr Alexander, später noch von Ihrer Arbeit leben können, liegt aber wohl eher in Ihrer Hand als in der der Bundesregierung, denn Artikel Ihrer Couleur werden sicher eher von einem Chefredakteur als vom Zensurapparat der Bundesregierung aus dem Verkehr gezogen.
Achja, Herr Alexander, "Nachahmung" schreibt man übrigens immer noch mit insgesamt zwei 'h'.
P. S.: Lieber Herr Alexander, mit Ihren homophoben Andeutungen stellen Sie sich übrigens in eine Reihe mit dem amtierenden Vorsitzenden der UN-Vollversammlung علي التريكي (Ali Abdussalam Treki, ehemaliger Außenminister Libyens). Vielen Dank für diesen Einblick in Ihre Einstellung zu Toleranz.